Eure Geschichten

Das Le­ben ist zu kurz um nor­mal zu sein (Teil 7)

Zwei große Gefallen

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, ertappte ich mich bei einem Gedanken. Es war der Gedanke, den ich eigentlich nicht denken sollte, aber irgendwie schlich er sich in mein Gehirn ein. „ Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, eine Freundin zu haben“, flüsterte es in meinem Kopf. Aber ich hörte nicht auf ihn. Ich wusste, was geschehen würde, wenn ich anderen Leuten von meiner Synästhesie erzählte. Erst nach längerer Zeit würden sie begreifen, dass es sich nicht um eine schlimme Krankheit handelte und mich nicht mehr wie ein Baby behandeln. Bevor ich los zur Schule konnte schlang ich mein Frühstück herunter. Obwohl das selbstgemachte Müsli meiner Mutter nichts besonderes ist, liebe ich es. Geschmack, Geruch und Farbe passen sogar zusammen! Es riecht so pastellfarben, wie es aussieht und es schmeckt knusprig und fruchtig zugleich. Der perfekte Start in den Tag.

Als ich das Klassenzimmer betrat murmelte ich nur kurz „ Hallo“, während ich an Bella vorbei ging und setzte mich hin. Ich kann mir gut vorstellen, wie verwundert sie mich anblickte, als Thomas mich anstieß und sagte: „ Ich glaube, sie will dir etwas geben.“ Missmutig sah ich auf und entdeckte einen zusammengefalteten Zettel, der auf dem Tisch lag. Bella hatte sich schon wieder nach vorne gedreht.Bevor ich auch nur einen Blick auf die Nachricht werfen konnte, stürmte unsere Deutschlehrerin Frau Stern herein. Frau Stern, pardon, Frau von Stern ist eine sehr chaotische  Lehrerin, die es liebt von ihrer Kindheit in einem alten Schloss zu erzählen. Sie hat so viel zu tun, ihre Unterrichtsunterlagen in Ordnung zu halten, dass sie sich nicht darum kümmern kann, die Klasse zur Ruhe zu bringen. Und so ging es komplett im Tumult unter, dass ich den Zettel auseinanderfaltete und versuchte die winzige Schrift zu entziffern. Da stand Folgendes:

An Clara! Hast du schon von dem Wettbewerb gehört? Ich will unbedingt mitmachen. Neben meinen Bildern will ich ein Theaterstück einstudieren. Machst du mit? Ich würde mich darüber freuen.
Deine Bella

Was für eine Frage! Natürlich hatte ich schon von dem Wettbewerb gehört. Fast jeder Lehrer hatte uns schon darauf hingewiesen. Da unsere Schule ein großes Stipendium vom Elternbeirat bekommen hatte, hatte die Schulleitung beschlossen, einen großen Wettbewerb zu veranstalten. Alles mögliche konnte eingereicht werden. Artistische Kunststücke, selbstgeschriebene Texte, Bilder oder eben Theaterstücke. In zwei Wochen würde alles präsentiert, bewertet und mit einem Fest gefeiert werden. Aus jeder kategorie sollten zwei Gewinner gekürt werden. Sie sollten Eisgutscheine bekommen und entscheiden, an welche Hilfsorganisation der Rest des Geldes gehen sollte. Ein riesen Projekt stand also an. Und es war klar, dass Bella mit ihren Bildern einen der ersten Plätze erreichen würde. Aber Theater? Im Gegensatz zu Bella war ich nicht gerade die mutigste Person. Auf der Bühne zu stehen war sicherlich nichts für mich. Außerdem würde das gegen meine Regel verstoßen. Also schrieb ich eine Antwort an das Strähnenmädchen:

Nein, danke. Theater ist nichts für mich.

Den Zettel reichte ich ihr nach vorne. An ihrem Gesichtsausdruck erkannte ich, was sie von meiner Entscheidung hielt. Aber ich war felsenfest davon überzeugt, dass mich nichts davon abbringen würde. Wie schnell sich das ändern würde, sollte ich bald erfahren. Um zum nächsten Klassenraum zu gelangen, musste ich an Serenas Tisch vorbei. Leider war ich so abgelenkt, dass ich über ihre Schultasche stolperte, die darauf umfiel und dutzende Hefte über den Boden verschüttete. Verlegen stopfte ich sie zurück und entschuldigte mich. Serena warf mir nur einen giftigen Blick zu. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich garantiert tot umgefallen.

In der Pause 

In der Schulpause stand ich unschlüssig neben den Spinden herum Viele Schüler drängten sich durch den Gang nach draußen, darunter auch Serena und ihre Freundin Nina. Anstatt aber an mir vorbei zu gehen, kamen sie direkt auf mich zu! Serena stellte sich dicht vor mich und zischte: „ Was sollte dass den eben?“ „Ich habe mich doch schon entschuldigt! War keine Absicht.“,stammelte ich und ging reflexiv einen Schritt zurück und stieß an eine Wand. Na toll. Jetzt sagte Serena wütend: „ Leg dich ja nicht mit mir an. Tollpatsche kann ich gar nicht ausstehen.“ Trotz dieser Warnung antwortete ich mit wackelnder Stimme: „Und ich kann Zicken noch weniger leiden.“ „Ich habe dich gewarnt.“, rief die sie und drehte meinen Arm nach hinten. Ich quiekte überrascht auf und versuchte mich, aus ihrem Griff zu winden. Wie durch ein Wunder kam in diesem Moment Bella durch den Gang gelaufen. Mit einem Blick erfasste sie die Lage. Sie rief entzetzt: „Lass sie sofort los!“ Aber das führte nur dazu, dass sie noch fester zupackte. Nina stand daneben und grinste dämlich. Bella packte Serena an der Schulter und riss sie von mir weg. Aber diese wehrte sich heftig, trat Bella ans Schienbein und schubste sie gegen die Spinde. Dann drehte sie sich wütend um und rauschte davon.

Einen Moment war es nur still im Flur. Dann schnaubte Bella, die sich die schmerzende Schulter rieb: „Du bist mir einen riesengroßen Gefallen schuldig. Oder sogar zwei. Man sollte sich nie mit Serena anlegen. Merk dir das bitte. Noch mal spiele ich nicht den Bodyguard.“ „Das habe ich schon mal gehört.“, murmelte ich betreten. „Danke, Bella.“ „Wenn du das wieder gutmachen willst, dann mach mit bei dem Theaterstück und noch wichtiger: Verrate mir dein Geheimnis.“ Im ersten Moment wollte ich ablehnen. Doch dann meldete sich die Stimme in meinem Kopf zurück. Und diesmal nahm ich sie ernst. „ Abgemacht.“, antwortete ich feierlich.

Vorbereitung auf das Theaterstück

Für das Theaterstück hatten sich nicht wirklich viele Kinder angemeldet. Das merkte ich schnell, als ich am nächsten Nachmittag mit Bella in der Aula stand. Mit uns waren es ganze sechs Teilnehmer. Thomas, Nina und Tako aus unserer Klasse standen auf der einen, Lukas und Camilla aus der Parallelklasse standen auf der anderen Seite, der Bühne. Selbst Bella war ein bisschen perplex. „Wie soll man denn mit so wenigen Schülern ein Theaterstück erarbeiten?“,mumelte sie nachdenklich. Dann fiel sie in ihre gewohnte Form zurück und rief: „Hi, Leute! Wer von euch hat eine Idee, welches Theaterstück wir aufführen könnten?“ Nach einem nicht genz ernst gemeinten Vorschlag von Lukas (Shaun das Schaf...) und einer unmachbaren Idee von Nina (Romeo und Julia...) kam ein wirklich guter Vorschlag von Tako, einem Jungen aus Afrika „Wie wäre es, wenn wir ein paar Märchen vermischen und so selbst ein Theaterstück schreiben?“, rief er. Mir gefiel die Idee sofort. Auch die meisten anderen nickten zustimmend. Doch mir viel auf, dass Bella ein wenig unsicher schaute. „Was ist los? Gefällt dir die Idee nicht?“, flüsterte ich so leise ich konnte. „Doch, doch, aber...Ich weiß nicht. Kann der Vorschlag  gut sein, wenn er von Tako kommt?“ Auf einmal ging mir ein Licht auf. Mir wurde heiß vor Wut. „Du willst das nicht machen, nur weil er dunkelhäutig ist? Dass du Vorurteile hast, hätte ich echt nicht von dir gedacht.“ Mist. Das war wohl ein bisschen zu laut gewesen, denn Tako trat verlegen von einem Fuß auf den anderen und rannte schließlich aus dem Raum.

Schwitzend lief ich ihm nach. Wie konnte Bella nur so etwas denken? „Tako, warte doch!“, rief ich ihm aufgebracht nach. „Ich denke, dass solche Vorurteile Quatsch sind. Mir gefällt die Idee super. Wir brauchen dich!“ Er blickte mich an und meinte: „Das sagst du doch nur, weil ich dir Leid tu´ “ „Nein! Sicher Nicht!“ „Ok, dann komme ich wieder. Aber wenn so etwas noch einmal passiert, gehe ich entgültig.“ Erleichtert folgte ich ihm in den Saal. Dort stand nur noch Bella. Mit einem Blick versuchte ich sie aufzufordern, sich zu entschuldigen, doch das brauchte es gar nicht. Sie kam auf Tako zu und entschuldigte sich bei ihm: „Es tut mir wirklich Leid. Es wird nicht wieder vorkommen.“ Dann streckte sie ihre Hand nach vorne. Tako zögerte einen Moment und schlug dann lächelnd ein.
Mit den Worten: „Ich hole noch schnell meine Tasche aus dem Kunstraum“, rannte Bella davon. Ich wartete, froh endlich einmal meine Ruhe zu haben auf sie. Was dann geschah, hätte ich nie im Leben erwartet. Völlig aufgelöst kam sie zurück. „Was ist denn passiert? Nimmst du dir die Sache von vorher so zu Herzen?“ „Das tut mir so Leid, warum ich so reagiert habe erzähle ich dir ein andermal. Aber das ist es nicht. Stell dir vor! Meine schönsten Bilder für den Wettbewerb wurden zerrissen und beschmiert!“ Mir wurde es heiß und kalt zugleich. Das roch verdächtig nach Sabotage.

Was bisher geschah...

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Eure Kommentare

Langer, aber sehr, sehr sehr guter Teil, bring bald den nächsten raus
Danke für die vielen netten Kommentare. An Lily (Gast): Ich habe eine Fernsehsendung über Synästhesie gesehen und im Internet dazu recherchiert.
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Jetzt wirds ja richtig spannend, ich freue mich auf die Fortsetzung!
Super! Das ist diesmal ein besonders langer Teil. Du hast dir sehr viel Mühe gegeben. LG, Clari
Ich liebe diese Geschichte!
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Soooooooo cool! Woher weißt du eigentlich so viel über Synästhesie? LG Lilly ❤️
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Ich freue mich schon auf den nächsten Teil!!! LG Anna
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Toll! Die Geschichte wird immer besser!
Dankeschön!
Richtig cool! LG, Anton